Unterricht bei Twain und Moers

oder Warum man manchmal lügen muss

Es gibt Situationen, da könnte das Leben ganz einfach sein, wenn man nur ordentlich Lügen könnte.Ich bin von Natur aus eine schlechte Lügnerin, mir ist es einfach nicht vergönnt leichten Fußes schwindelnd und lügend durch das Leben zu gehen. Bisher bin ich zwar mit einer gehörigen Prise Witz und Charme immer ganz glimpflich davon gekommen, aber in letzter Zeit häufen sich Ereignisse, in denen ich lieber völlig überzeugend und über jeden Zweifel erhaben lügen würde: „Nein, ich habe ihren Mann nicht geküsst“, „Süße, ganz bestimmt kommt er wieder zurück zu dir“ oder auch nur „Das Essen schmeckt wirklich ganz wunderbar, du musst mir unbedingt das Rezept geben“. Bilde ich mir das nur ein oder wird es mit zunehmendem Alter immer wichtiger, überzeugend lügen zu können?

Ich habe also beschlossen, es ist Zeit, das Lügen zu lernen.

Spontan fallen mir zwei große Meisterlügner ein: Walter Moers und Mark Twain.
Von Moers hab ich schon ein paar Sachen gelesen. Zum Lügenlernen eignet sich natürlich am besten Die 13 ½ Leben des Käptn Blaubär. Phantastischer als Zamonien, die Welt in der sich das Leben des kleinen Balubären abspielt, kann eine Welt gar nicht sein. In jedem Kapitel wimmelt es nur so von wahnwitzigen Ideen, wunderlichen Gestalten und haarsträubenden Ereignissen. Und natürlich lügt der kleine Blaubär, dass sich die Balken biegen.
Mark Twain ist auf jeden Fall auch einer meiner Lieblingslügner. Bummel durch Europa strotzt nur so vor Halbwahrheiten und ausgemachten Lügen. Twain beschließt 1878 durch Europa zu Reisen. Es geht von Deutschland über die Schweiz nach Frankreich und Italien. Dabei betrachtet er ausführlich die Arbeitsmoral europäischer Pagen, die grammatikalischen Fähigkeiten sprechender Vögel und die furchtbare, reformbedürftige deutsche Sprache. Absolut witzig und für meine Zwecke durchaus lehrreich.

Heute morgen konnte ich übrigens schon einen kleinen Erfolg verbuchen. Mein Nachbar, ein älterer Herr, der zusammen mit seinem hässlichen Hund in einer kleinen Wohnung lebt und die Gewohnheit pflegt, unmenschlich früh ins Bett zu gehen, hat (natürlich rein zufällig) im selben Moment wie ich die Haustür aufgemacht, nur um mit vorwurfsvoller Miene anzusetzen: „Waren Sie das gestern, mit diesem fürchterlichen Radau? Ich habe kein Auge zugemacht! Sie sollten ein bisschen mehr Rücksicht nehmen, schließlich sind Sie nicht allein auf der Welt!“ Ich glaube, er hat mir den ganzen Morgen schon aufgelauert. Eine perfekte Gelegenheit um meine Fortschritte zu überprüfen. Ich setzte also ein zuckersüßes Lächeln auf und behaupte: „Nein, Herr Schulze, das kann ich nicht gewesen sein, zur Zeit habe ich furchtbar viel zu tun, Sie wissen schon Arbeit und Uni und das ganze Lernen. Gestern war ich pünktlich um 22Uhr im Bett, immerhin brauchen junge Menschen viel Schlaf, das wissen Sie ja.“ Er guckt zwar ein bisschen misstrauisch, aber ich glaube, er kauft es mir ab. Erfolg!
Den fremden Mann, der vor ein paar Stunden aus meiner Tür gekommen ist, scheint er Gott sei Dank nicht gesehen zu haben und die nächtlichen Ausschweifungen verschweige ich natürlich.
Auf dem Treppenabsatz drehe ich mich dann noch mal um und rufe, nicht ohne Schadenfreude „Ich würde Sie allerdings bitten, die nächsten Abende ihren Fernseher etwas leiser zu stellen, er stört mich doch sehr beim Lernen.“

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